
mein Artikel für das DEUTSCHE YOGAFORUM – veröffentlicht 3/26
Zuletzt hörte ich eine Yogini sagen: „also, das schaffe ich noch nicht wegzuatmen, ich muss noch mehr üben“.
Dieser Satz lieβ mich nachdenklich zurück. Geht es darum, dass wir irgendetwas, zum Beispiel Emotionen, „wegatmen“? Wenn das gelingt, bin ich dann „erfolgreich“? Ist es Sinn und Zweck meiner Praxis als Yogi, dass ich lerne, bestimmte Aspekte auszublenden? Oder kann dieser Ansatz auch zu einer Strategie der Vermeidung werden? Etwas, das man in der Yoga-Philosophie als „Spiritual Bypassing“ bezeichnet? Eine Methode, die spirituelle Ideen und Konzepte nutzt, um unangenehmen Dingen und ungelösten Emotionen auszuweichen?
In der Philosophie des Tantra (Strömung, die sich ab ca. 500 n. Chr. entwickelte) ist die Idee, dass man die Praxis als „Werkzeug der Expansion“ nutzt. Erweiterung in „alles“ – also auch in das, was wir kategorisieren, in: „hell“ oder „dunkel“, „leicht“ oder „schwer“, als auch in das, was wir als „willkommen“ oder„ablehnenswert“ empfinden.
Diese Idee bedarf ein wenig mehr Erläuterung. Ich mag sehr das Bild von einem Gefäß aus Ton, dass vor der Nutzung gebrannt werden muss. Der Vorgang des Brennens verändert den Ton dahingehend, dass dieser widerstandsfähiger wird und zum Beispiel auch Flüssigkeiten halten kann, ohne sich aufzulösen. Ich verstehe den Zweck der Yogapraxis genau so: Auch wir können uns darin schulen, zu bleiben, den Raum zu halten um dem, was ist, zu begegnen. Wir können lernen, auch bei intensiven Gefühlen und Erfahrungen präsent zu bleiben und den Mut zu finden, das gesamte Spektrum zu erleben und zu fühlen. Wird dies möglich, expandieren wir die Bandbreite unserer Erfahrungen und öffnen uns mehr und mehr für die Ganzheit des Daseins. Genau das lehrt die Philosophie des Tantra.
Auf der Yogamatte stellen wir immer wieder fest, dass es Haltungen gibt, die wir mögen und andere, denen wir lieber ausweichen wollen; manchmal ertappen wir uns auch dabei, ungeliebte Übungen schneller machen zu wollen. Sind wir achtsam, merken wir vielleicht, dass wir bei bestimmten physischen Sensationen dazu neigen, uns geistig abzulenken oder dagegen anzukämpfen.
Die einfache – und so wirkungsvolle Methode – des ruhigen Atmens kann uns darin unterstützen, in Präsenz und in Ruhe dazubleiben. Möglicherweise hast du auch die Erfahrung gemacht, dass das ruhige Atmen in Asanas dich darin unterstützt, „Frieden“ mit Erfahrungen zu schließen, die früher eher unerträglich schienen. In diesem Fall habe ich jedoch nichts „weggeatmet“ – im Sinne von „Beseitigung“. Vielmehr ist es mir gelungen, mich durch ruhiges, achtsames und mitfühlendes Verweilen in die Lage zu versetzen, die Sensation und/oder das Gefühl zu halten, also damit zu sein. Das, was ich als unangenehm empfunden habe (den Auslöser, der kritische Moment oder die Sensation) ist nicht verschwunden, aber meine Reaktion darauf ist anders und in der Folge ist das Kämpfen und/oder die Ablehnung verringert oder aufgelöst.
Auf den ersten Blick scheint es gelungen zu sein, das Unangenehme wegzuatmen. Das stimmt jedoch nicht. Vielmehr hat man gelernt, auch damit zu atmen – oder um in dem Bild zu bleiben: Man hat das Gefäß gebrannt, um auch diese Erfahrung halten zu können. Diese Unterscheidung ist keine Wortklauberei und schon gar nicht nebensächlich. Meines Erachtens ist es essenziell, unterscheiden zu können, ob man vermeidet oder begegnet, ob man sich abwendet oder in Betracht zieht, auch dann „Ja“ zu sagen, wenn etwas anstrengend oder unangenehm wird.
Ich persönlich nutze gerne den Satz: „Auch das darf sein“ in meiner Praxis; und auch in meinem Alltag – wann immer ich mich daran erinnere. Dieser Satz soll nicht bedeuten, dass „alles gut ist“ oder dass ich alles gut zu finden habe. Vielmehr bedeutet er, dass ich zunächst einmal versuche, mit der gegebenen Erfahrung zu sein. Eine normale Reaktion als direkte Antwort auf einen Impuls ist entweder neutral, ablehnend oder begehrend – ein bewusstes Wahrnehmen hat nicht stattgefunden. Damit aber genau das möglich wird und ich nicht unreflektiert mit einer Meinung/Reaktion antworte, bedarf es folgenden Schrittes: inne zu halten und erst einmal in Betracht zu ziehen, dass das was ist „erst mal sein darf“. Nach dem Begegnen kann ich entscheiden, WIE ich damit umgehen will. Dann ist meine Reaktion bewusster, reflektierter und nicht nur automatisiert.
Manchmal gelingt es mir wahrzunehmen, dass ich reflexhaft reagiere; besonders dann, wenn ich etwas ablehne oder danach greifen will, es also nicht wieder hergeben will. Genau dann versuche ich, einen Moment zu warten und „auch das darf sein“ in Betracht zu ziehen. Auch diese Erfahrung darf gefühlt werden – kann ich mich dafür öffnen? Auch diese Erfahrung darf wieder gehen – kann ich in Hingabe vertrauensvoll loslassen?
Keine Frage, das ist nicht leicht. Schon bei verhältnismäßig kleinen Herausforderungen nehme ich oft starke Widerstände in mir wahr. Dennoch gelingt es auch ab und an, dass ich akzeptiere, mich öffne und besser mit dem was ist, sein kann. Versuchen wir diese Idee zu kultivieren, kann es gelingen, dass unser Geist und unser Herz zu einem Werkzeug der Expansion wird und wir: WILLKOMMEN HEISSEN WAS KOMMT, WILLKOMMEN HEISSEN WAS GEHT.
Hier ein kleiner Meditationstext für die alltägliche Praxis – inspiriert von Chr. Wallis:
Finde eine bequeme Haltung und nimm wahr, was ist. Spüre dich – spüre was wahr ist, was ist – indem du deinen Körper beobachtest.
Widerstehe, deine Empfindungen und Erfahrungen zu benennen. Nimm unmittelbar wahr – fühle den Körper.
Sensationen mögen auftauchen. Nimm wahr, wie der Geist versucht, es entweder abzulehnen oder danach zu greifen, oder den Eindruck als „gut“ oder „schlecht“ zu benennen.
Versuche jetzt, dich für die Möglichkeit zu öffnen, mit allem was ist zu sein, es weder zu greifen noch abzulehnen. Sei einfach mit dir und deinem Körper, im tiefen Gewahrsein.
Was auch immer auftaucht, erlaube dafür den Raum – wie ein Gefäß, das was auch immer kommt, hält.
Heiße willkommen, was kommt, heiße willkommen, was geht.
Diese Meditation ist auf meiner Plattform KAYO als Audiodatei (neben vielen weiteren Meditationen, Yogavideos und einem großen, weiteren Angebot) online. Wenn du mir eine Email schreibst, schalte ich dir einen 10-tägigen kostenlosen Zugang frei – so kannst du diese Meditation und alle anderen Inhalte direkt praktizieren. Mail: hello@nicolekonrad.de
Nicole Konrad
lehrt Yoga seit mehr als 20 Jahren und bildet insbesondere im „Anusara Yoga“ aus. Hier hat sie den höchstmöglichen Ausbildungsgrad erreicht.
Sie ist Autorin des Buches YOGA FÜR JEDEN KÖRPER, welches im O.W.Barth Verlag erschienen ist und schreibt für Fachzeitschriften.
Sie bietet eine umfassende Online-Bibliothek „KAYO“ zu verschiedensten Themen an. Mehr zu ihrem umfassenden Angebot: www.nicolekonrad.de
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