
Das Wunder im Kleinen
Und das Problem, wenn wir überfüllt sind
In der ZEIT las ich den Artikel „Pyramiden 1 Stern: ‚Eigentlich nur eine bisschen größere Sandburg‘“. In diesem Beitrag geht es um schlechte Bewertungen im Netz von einigen der größten Sehenswürdigkeiten der Erde.
Ich musste sehr oft lachen. Schrieb jemand zum Eiffelturm: „Leider ein bisschen zu hoch, oben ist es auch sehr windig.“ Oder zu den Niagarafällen: „Es war fürchterlich, wir haben nur Wasser abbekommen.“
Auf den zweiten Blick fand ich den Artikel nicht mehr so lustig.
Zum einen: Ja, was denkt man denn? Ein Turm ist hoch und ein Wasserfall ist nass.
Diese Haltung – „nur das Wünschenswerte“ zu nehmen und den Rest nicht zu wollen – ist, aus der Philosophie des Yoga betrachtet, eines der großen Probleme des Menschen: Dinge sind, wie sie sind. Und zu ihrer Manifestation gehören gewisse Qualitäten. Hätten sie diese nicht, wären sie nicht, was sie sind.
Feuer spendet Licht, erzeugt Wärme und transformiert Dinge. Und ja, ich kann mir auch die Finger verbrennen. Ist das der „Fehler“ des Feuers? Oder meine Unfähigkeit, zur Ganzheit des SEINS „JA“ zu sagen bzw. damit umzugehen?
Wie sehr begrenzen wir uns, wenn wir alles ständig in „gut“ und „schlecht“ beurteilen – anstatt die Fülle des Seins, eines Objekts oder auch meiner selbst in seiner Ganzheit willkommen zu heißen?
Der andere Aspekt, der mich nachdenklich macht ist, wie leicht man Wunder übersehen kann. Ich nehme mich davon nicht aus – auch ich bin oft blind gegenüber den Geschenken der Welt.
Kleiner Einschub: Klar, es sei dahingestellt, warum wir Menschen das Eine als „Sehenswürdigkeit“ bezeichnen und das andere als „stinknormalen Ort“ betrachten. In gewisser Weise ist das konstruiert – was in keinster Weise die Wichtigkeit historischer Orte, menschlicher Errungenschaften oder die monumentale Bedeutung von Geschichte, Architektur und Menschheitsentwicklung schmälern soll.
Was mich irritiert, ist, wie „übersättigt“ und gleichzeitig „leer“ wir sein können.
Wenn wir bemerken, dass uns weniger wirklich berührt, macht mich das nachdenklich. Wenn uns wenig staunen lässt, wir die Wunder des Seins nicht mehr sehen und die Geschenke des Daseins nicht wahrnehmen, lässt uns das leer zurück: getrennt und immer nur noch nach „mehr“ verlangend, was dann aber auch nicht in der Lage ist, unsere Leere zu füllen.
Jedes Blatt, eines von Milliarden, ist ein Wunder. Ein Wunder der Natur. Es hat eine spezielle und einzigartige Form. Es ist ein Mini-Kraftwerk: Es nährt den Baum durch Photosynthese und die Umwelt zum Beispiel durch den von ihm erzeugten Sauerstoff.
Jedes Blatt offenbart die Schöpfung in ihrer Fülle und Ganzheit. Es zeigt uns die Verwobenheit des Seins, die Verbundenheit von allem mit allem.
Man muss „nur die Augen öffnen“ und das betrachten, was vor einem ist.
Es braucht nicht eine Fahrt sonst wohin. Das Wunder ist hier wie dort.
Die Frage ist, ob ich in der Lage bin, mich berühren zu lassen. Mich dem Wunder zu öffnen. Demut auf dieser Ebene zu leben: zu erkennen, wie verwoben und abhängig alles Dasein voneinander ist.
Die Schönheit liegt überall – die Frage ist, was mein Auge als „schön“ betrachtet und wie ausgrenzend und begrenzt ich auf die Welt schaue.
Es mag beängstigend sein, die Abhängigkeit von der Schöpfung anzuerkennen. Denn dann erkenne ich, dass ich sie nicht „beherrschen“ kann und dass die Welt mir auch nichts „schuldet“.
Andererseits ist die Hingabe ins Sein für mich das Nährendste überhaupt.
Zu erkennen, dass ich Teil dieser unglaublichen Kraft des Daseins bin. Dass das Eine mich hält und immer da ist, mich durchdringt und umgibt und dass auch mein Körper Teil davon ist. Das ist die größtmögliche Geborgenheit, die ich erfahren kann.
Mich hinzugeben, mich berühren zu lassen, mich zu öffnen für alles – das ist es, was mich erfüllt und ausfüllt.
Keine Frage: Das ist nicht immer einfach. Ich will mich auch manchmal „waschen und dabei nicht nass werden“.
Die Offenheit zu finden, zum gesamten Spektrum „JA“ zu sagen, ist beängstigend und doch so nährend und friedenschenkend.
ES ist, was es ist – und damit bin ich – zumindest möchte ich mich immer wieder erinnern, diese Bereitschaft zu finden und wirklich zu leben.
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