mein Artikel für das DEUTSCHE YOGAFORUM 

 

Je nach geschichtlicher Epoche und Traditionslinie sind die Vorschläge zur Lebensführung an den praktizierenden Yogi in vielen Punkten nicht einheitlich. Heute wird oftmals Patanjali und sein Yoga Sutra herangezogen, um Entscheidungen in Bezug auf die Lebensführung eines Yogi zu untermauern. Doch stellt diese Schrift mitnichten die einzige Quelle in der Yogaliteratur dar. Es lohnt sich zu hinterfragen, ob bestimmte Aspekte, die gerne dem „Yoga-Lifestyle“ angedient werden, wirklich „wertiger“ sind. Vielleicht sind sie einfach nur „moralisch aufgeladen“.

Meines Erachtens ist es gar nicht so leicht zu beantworten, was denn nun „richtig“ ist. Und die klassischen Texte können wir eher als Leitlinien zur eigenen Kontemplation und bewussten Auseinandersetzung verstehen, denn als absolute Wahrheit. Betrachten wir das Yoga Sutra, so geben die Wertvorstellungen des 8-gliedrigen Pfades scheinbar einfache Richtlinien. Sehr bekannt ist zum Beispiel die Idee von AHIMSA, der Gewaltarmut – weswegen viele Yogis eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise propagieren. Gerade die Frage nach der „richtigen Ernährung“ ist sicher eines der am meisten aufgeladenen Themen in unserer bewussten Lifestyle-Welt. Dieses Themenfeld lässt sich im Hinblick auf Tierwohl, CO2-Abdruck, Ethik, Lieferketten als auch Ernährungstrends unterschiedlich betrachten. Oftmals gibt es hier recht dogmatische Meinungsunterschiede – scheint es doch kaum ein ehrenwerteres Zeichen von Engagement und „ethisch, korrektem Handeln“ zu geben, als Fleischverzicht und Nachhaltigkeit zu propagieren, und zu leben.

Nun – vielleicht ist es nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Begebe ich mich in meinen kleinen Gemüsegarten, vergeht kein Spatenstich, ohne dass ich nicht mindestens einen Regenwurm zerschnitten habe. Es ist unmöglich, kein Leid zu schaffen, wenn man existiert. Selbst wenn ich die Erde sieben würde, wie z.B. in dem Film „7 Jahre in Tibet“, in dem die buddhistischen Mönche beim Ausheben des Fundaments versuchen, die Insekten und Würmer nicht zu töten – mit jedem Atemzug zerstört mein Immunsystem die meisten der eingeatmeten Mikroorganismen. Nun, was soll ich tun: atme ich nicht mehr und töte mich, oder töte ich die Organismen, die in der Atemluft sind?

Ich weiß, es mag ein überspitztes Beispiel sein und einige würden vielleicht argumentieren, dass es „bewusstes und unbewussteres Leben“ gibt – andere bezeichnen es als „höher entwickelt“ – doch wer entscheidet das eigentlich? Dennoch gilt es anzuerkennen, dass ein vollkommen gewaltfreies Leben auf der Erde schlicht nicht möglich ist.

Diesen Fakt erkennt auch die Bhagavad Gita als grundlegende Erkenntnis an und diskutiert besonders in den Kapiteln zum KARMA-Yoga diese Problematik. Das Set-Up der Gita legt eine Situation zugrunde, bei der sowohl ein Handeln als auch ein Nicht-Handeln gleichermaßen negative Folgen nach sich zieht. Der Held Arjuna ist deswegen verzweifelt, er weiß nicht, wie er handeln soll. Jede Option führt zu Leid, Tod und Verderben – auch das Nicht-Handeln befreit ihn nicht von „schlechten Konsequenzen“. Die Gita ist in Hinblick darauf sehr lebensnah. Wenn ich nur die Wahl zwischen „richtigem“ und „falschen“ Handeln habe ist die Entscheidung leicht: ich nehme „das Richtige“. Aber wenn jede Variante des Handelns ebenso wie Nicht-Handeln „schlechte“ Folgen hat, dann wird die Entscheidung schwer. Wähle ich die sprichwörtliche „Pest oder Cholera“?

Die Gita schlägt vor, die eigenen Motive vor dem Handeln zu erforschen. Warum will ich etwas tun bzw. unterlassen? Auch werden wir aufgefordert, uns mit den eigenen Idealen/Werten und Moralvorstellung auseinander zu setzen und zu ergründen, ob diese Bestand haben können und sollen. Sogar der Wunsch nach SATTVA (Reinheit) ist nicht wirklich zielführend, da er schlussendlich auch nur eine Anhaftung an „ein vermeintlich Besseres“ darstellen würde (siehe 14:6).

Wichtiger erachtet die Gita es, mit dem DASEIN selbst in Verbindung zu gehen. Diese Idee gelangt in den Texten ab 500 n.u.Z. in der philosophischen Sicht des Tantra zu essenzieller Bedeutung. Sie wird dort als die wichtigste Idee der Praxis angesehen: Yoga ist ein Werkzeug der Expansion in alle Ebenen des Seins – in das Dasein, dass einen selbst natürlich mit einschließt. Ich finde diesen Ansatz absolut „praxistauglich“. Denn es geht darum, dass man in die Unmittelbarkeit der Gegenwärtigkeit verbindet und die Heiligkeit von allem erkennt, sich selbst eingeschlossen. Achte ich das Sein in all seinen Erscheinungsformen, gehe ich in ehrende und liebende Verbindung mit mir und allem-was-ist ein, wird mein Sein auf bestmögliche Weise Ausdruck finden.

Kann diese Verbindung eine tiefe Selbstverständlichkeit bekommen? Dies bedeutet, dass ich Akzeptanz auch mir gegenüber entwickele und achtsam und wohlwollend mit mir und dem Dasein umgehe. Gelingt dies, ist diese Verbundenheit vollkommen frei und geschieht aus sich heraus. Yoga kann uns dabei helfen, mit dem Dasein als auch mit uns Selbst in Verbindung zu gehen (der physische Körper wird hier eingeschlossen und nicht „überwunden“). Ich erachte die Entwicklung dieser Fähigkeit als wichtig und die Yogapraxis kann uns darin unterstützen. Die Werte, die uns in den unterschiedlichsten Texten des Yoga vorgeschlagen werden, dienen als grundlegende Ideen, die nichtsdestotrotz immer im gegenwärtigen Moment geprüft und in Ausgleich gebracht werden müssen.

Entwickeln wir die Fähigkeit, in VERBINDUNG zu gehen und uns als auch das Dasein aufrichtig und in all seinen Facetten zu fühlen, werden wir in jeder Situation die dann „beste Entscheidung“ treffen und Mitgefühl und Dankbarkeit unmittelbar empfinden. Liebe ich das Dasein, werde ich vermeidbaren Schaden natürlich vermeiden. Wie könnte ich etwas, dass ich achte und liebe, schlecht behandeln? Gelingt es, Wertschätzung für das Sein als solches zu etablieren, entwickeln wir ein Verständnis dafür, dass wir mit allem Leben verbunden sind. Als Teil der Schöpfung interagieren wir und sind in gegenseitiger Abhängigkeit, und wir achten ganz organisch das Dasein selbst.

Mein Körper ist aus den „Früchten der Erde“ geschaffen – aus dem was ich zu mir nehme „baut“ mein Körper mich. Diese Erkenntnis führt zu großer Dankbarkeit: DANKE an die Sonne für ihre Kraft gebende Energie, DANKE an die Pflanzen für ihre Fähigkeit, Licht in Stofflichkeit zu verwandeln, die mir als Nahrung dient. DANKE an all die Menschen, die daran beteiligt sind, dass mein Essen bei mir ankommt, DANKE an alle Organismen für ihre Teilhabe. Alles was ich bin und was ich besitze habe ich auch durch die Gabe, Fähigkeiten und Anstrengungen anderer. Kann ich das aufrichtig anerkennen? Kann ich dankbar sein? Vielleicht führt diese Erkenntnis zu einem Gefühl der Wertschätzung, das über jedes Dogma und jeden persönlichen Nutzen hinausgeht und die Bedeutung der gegenseitigen Interaktion und Verbundenheit betont. Ein bewusstes Leben aus tiefer Verbundenheit entwickelt sich nicht aus Theorie, Moral oder Ethik, sondern aus direkter und gelebter Intimität und Vertrautheit mit dem Dasein.

 

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