Die nahen Feinde der Wahrheit #4: Negative Energien

Was sind die „nahen Feinde der Wahrheit“? Ich entleihe diesen Satz aus dem Buddhismus, um mich auf verzerrte Versionen spiritueller Lehren zu beziehen. Auf Aussagen, die wesentlichen und subtilen Wahrheiten ziemlich nahe kommen, aber dennoch knapp daneben liegen, was auf lange Sicht gesehen zu großen Unterschieden führt. Wenn wir von tiefgreifenden und grundlegenden Wahrheiten sprechen, so machen Äußerungen, die „ein bisschen falsch“ sind, kurzfristig betrachtet keinen großen Unterschied, wohl aber auf lange Sicht. So wie eine kleine Kursabweichung deines Bootes auf kurzen Strecken zunächst unerheblich ist, dich aber nach einigen tausend Meilen auf einen anderen Kontinent bringt.

Manche Menschen werden gegen das Wort „falsch“ im letzten Absatz Einspruch erheben. Diese Leute folgen der Idee, dass das einzig notwendige Kriterium für die Wahrheit darin besteht, dass es sich für einen selbst wahr anfühlt. Diese Sichtweise ist in Bezug auf Spiritualität ebenso gefährlich wie in Bezug auf Politik. Denn dahinter steht zumeist: Ich will, dass es wahr ist, also glaube ich es –  egal wie die Fakten sind. Wenn du nicht erkennst, wie brisant dieses Thema ist, oder wenn du zweifelst, ob es überhaupt Fakten oder universelle Wahrheiten gibt, lies bitte die zweite Hälfte des Blogbeitrags (nahe Feinde #1) .

Für jeden spirituellen Sucher ist es enorm wichtig zu erkennen, warum es sich um nahe Feinde handelt, und nicht um die Wahrheit selbst, wenn er/sie über den Status eines Anfängers hinauswachsen will, um tief in die (überaus erfüllende) spirituelle Arbeit einzutauchen. Ich möchte hier noch anfügen, dass ein wirklich „naher“ Feind für einen Anfänger ein Verbündeter auf Zeit sein mag. Aber auf einem höheren/tieferen Level spiritueller Praxis gibt es kein „nahe genug“ mehr. Wenn du deine bequemen und wohlgefälligen Selbstbeteuerungen nicht auf dem Altar der Wahrheit opferst, wird dein Fortschritt stagnieren. Nach dieser kurzen Einführung, lass uns auf den nächsten nahen Feind der Wahrheit schauen.


NAHER FEIND #4: NEGATIVE ENERGIE

Zunächst einmal geht es darum festzulegen, was wir mit ‘Energie’ meinen. Es gibt nur eine Definition, die gleichermaßen für physikalische wie auch für spirituelle Zusammenhänge gilt: ‚die Kraft (power), Arbeit zu verrichten’, oder ‚die Kraft zur Transformation’. Was würde im Sinne dieser Definition ‚negative Energie’ bedeuten? Es könnte sich hier nur um eine Kraft handeln, die auf irgendeine Art und Weise deine Energie drosselt, deine Kraft zu arbeiten reduziert – dies gilt für physikalische, emotionale oder spirituelle Arbeit. Manche Leute glauben, dass andere eine derart schändliche Kraft besitzen: Verbringt man Zeit mit solchen ‚negativen Menschen’, so schwindet deine prāṇa-śakti, also deine Lebens-Energie.

Ich behaupte, dass solche Annahmen falsch sind. Der Grund dafür, dass du dich durch manche Menschen ausgelaugt fühlst, besteht darin, dass du keine gesunden Grenzen für dich selbst ziehst, und das erschöpft dich. Diese geänderte Deutungsweise ist ganz wesentlich für unser spirituelles Leben: anstatt jemand anderes zu beschuldigen, dass er/sie uns ‚auslaugt’, übernehmen wir selbst die Verantwortung dafür, dass wir uns erschöpft fühlen wenn wir  ihm nicht die Wahrheit sagen. Wie z.B.: „Es tut mir leid, aber ich habe gerade jetzt weder die Zeit noch die Energie um dir zuzuhören“, oder „Ich bin dir wirklich verbunden, aber ganz ehrlich, ich brauche gerade etwas mehr Abstand in dieser Beziehung“, oder was auch immer gerade der Wahrheit entspricht. Du selbst entscheidest, wie viel Zeit du jemandem schenkst. Du entscheidest, ob du eine Grenze setzt oder nicht. Du bist derjenige, der über die eigenen Gefühle spricht und die eigenen Bedürfnisse ehrt, oder eben nicht. Und solltest du jetzt sagen: „Aber ich fürchte, andere werden verärgert sein oder mich verurteilen, wenn ich Grenzen setze und meine wahren Bedürfnisse ausspreche“ – nun, dann ist genau das deine spirituelle Arbeit. Du ehrst dich selbst nicht, wenn du keine gesunden Grenzen ziehst bevor du dich leer und erschöpft fühlst; und ebensowenig ehrst du die andere Person, wenn du ihr nicht die Wahrheit sagst. Sei hier ganz glasklar: Es ist niemals ein anderer Mensch, der dich auslaugt, das bist ganz alleine Du!

Natürlich kann es vorkommen, dass bestimmte Menschen deine samskāras triggern. Und wenn du nicht die emotionale Reife hast, solche samskāras angemessen ‚zu verdauen’, dann fühlt sich das ziemlich ermüdend an. Oder möglicherweise äußert jemand ‚negative Gedanken’, die ablehnend, verunglimpfend oder pessimistisch sind. Neigst du ohnehin dazu solchen Gedanken Glauben zu schenken, dann wird dich solch eine Gesellschaft herunterziehen, und es wäre besser, das zu vermeiden (siehe weiter unten). Wie auch immer, die Verantwortung liegt bei dir. Dein innerer Zustand ist niemals der Fehler von irgendjemand anderem.

Im wörtlichen Sinne gibt es weder ‚negative Energien’, noch gibt es so etwas wie ‚Energie-Vampire’. Letzteres bezieht sich auf ein bedürftiges menschliches Wesen das gewillt ist, alles zu nehmen, was du geben willst. Es besteht kein Grund denjenigen deshalb zu dämonisieren. Dein Job besteht darin, deine Ressourcen zu achten, nicht seine. Allerdings ist es völlig O.K. so etwas zu sagen wie: „… bitte frag mich doch künftig, wie viel Zeit ich für unsere Unterredung aufbringen kann. Denn ich möchte Dich ungern unterbrechen, um für mich selbst zu sorgen “.

Manche Menschen glauben, sie könnten deine Lebens-Energie durch irgendeine Art ‚schwarzer Magie’ aussaugen. Alle vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass so etwas nur dann Wirkung zeigt, wenn Du daran glaubst (‚Nocebo-Effekt’ als Gegenteil von ‚Placebo-Effekt’).


Doch dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild. Heutzutage wird der Begriff ‚negative Energien’ oft synonym zu negativen Emotionen verwendet. Lass uns dieses wichtige Thema genauer anschauen. Die nonduale tantrische Philosophie argumentiert ohne jede Einschränkung, dass Emotionen nicht negativ sind, nicht schlecht und auch nicht falsch. Punktum!

Es gibt schlichtweg keine negativen Emotionen. Lass uns die Gründe dafür gemeinsam untersuchen:

  1. Es gibt Emotionen, die man nicht gerne spürt.
  2. Es ist manchmal schwer, mit bestimmen Emotionen umzugehen.
  3. Es gibt Emotionen, die scheinen einen leer-zu-saugen.

All diese Emotionen bezeichnen wir fälschlicherweise als ‚negativ’.

Um den letzten Punkt vorwegzunehmen, es sind nicht die Emotionen selbst die uns ermüden, sondern der Umstand, dass wir die Story für wahr halten, die hinter der Emotion steht und sie vielleicht sogar erst erzeugt. Das kann sicherlich überaus kraftraubend sein. Es ist ein ganz gravierendes Energie-Leck wenn wir unseren Gedanken glauben schenken – besonders solchen, die uns entmachten. Gelingt es jedoch, die Geschichte von der Emotion zu trennen, werden wir feststellen, dass die Emotion selbst – unabhängig davon wie ‚negativ’ sie ist – zu einem Gefühl von mehr Lebendigkeit führt. Es ist nur die Story dahinter, die einen erschöpft. Das gilt für alle Beteiligten: Nur dann, wenn man die dahinterstehende Story glaubt („XY hat Schuld dass ich mich soundso fühle“), wird man geneigt sein, die eigene ‚negative’ Emotion jemand anderem anzulasten – meist in Form einer Anklage-Story.

Glaubst du eine Geschichte, und führt sie zu Emotionen von Ärger oder Trauer wie z.B. „er/sie will mich sabotieren“ oder „er/sie liebt mich nicht“, so wird eine Distanzierung von der Story dazu führen, dass die Emotionen sehr schnell abklingen. Werden Emotionen jedoch nicht durch eine Story initiiert, sondern vielmehr durch diese verstärkt, dann wird eine Distanzierung allein wenig Erfolg haben. Z.B. „Ich weiß dass die Annahme ‚er liebt mich nicht’ nicht stimmt, aber ich bin wirklich traurig, dass er nach vier Tagen immer noch nicht angerufen hat“. In so einem Fall ist es notwendig, die Emotion zu ‚verdauen’, um Zugang zu deren Energie und lebensfördernden Kraft zu erlangen. Zu glauben etwas sei ‚negativ’ verhindert diesen Verdauungs-Prozess. Verwirf die Vorstellung, Emotionen seien negativ, falsch oder schlecht. Dann wirst du (möglicherweise) immer noch Aversionen verspüren. Das heißt, du magst es nicht sonderlich, dich traurig oder frustriert, oder wie auch immer zu fühlen. Bestätige dir selbst mit voller Überzeugung: „Es ist O.K., wenn ich mich traurig fühle (oder wütend, oder ängstlich, oder …). Lass die Gefühle an dich heran, lass sie zu. Werde weich, lass die Emotion hinein, und lass sie durch die Mitte deines Seins hindurch ziehen. Dabei wird sie zunächst noch intensiver, dann schwächer; dies geschieht in einer oder in mehreren Wellen. Auf diese Weise beginnst du, die Emotion zu verdauen.

In der Mitte deines Seins gibt es so etwas wie eine ‚Transformations-Station’, eine Art Singularität durch die emotionale Energien hindurch müssen, um entweder integriert oder losgelassen zu werden. Tatsächlich gibt es mindestens zwei solcher Stationen: eine im Bereich des Nabels und eine in der Herzgegend.

Man sagt man in Bezug auf intensive Emotionen manchmal: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll“. Aber es geht gar nicht darum, damit ‚umzugehen’, sondern sie zu verdauen. Das geschieht, indem man die dahinter liegende Story (falls vorhanden) aussortiert, und die Emotionen den ganzen Weg nach innen und durch sich hindurch ziehen lässt.

Wenn es gelingt Emotionen zu verdauen, erhälst Du den direkten Beweis, dass jede Emotion – egal wie ‚negativ’ sie auch sein mag – deine absolute Lebendigkeit fördert und die Lebens-Freude verstärkt. Ein Komödiant (Louis C.K.) stellte einmal fest, wie er seine Traurigkeit verdauen kann: „Ich bin glücklich, dass ich unglückliche Momente leben kann“. Diese Art von Dankbarkeit ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Verdauung von Emotionen.

Wenn du also zugibst, dass keine deiner Emotionen im eigentlichen Sinn negativ ist, so gilt das auch für jeden anderen. Vermutlich fühlt sich das aber ganz anders an, wenn jemand seine emotionalen Energien um sich schleudert oder auf dich richtet! Was dann?

Wir kommen nun zu einem der aufschlussreichsten Aspekte dieser Lehre. Für einen praktizierenden tantrischen Yogi ist ein solcher Fall so etwas wie eine goldene Gelegenheit. Öffne schwungvoll die Türen deines Herzens (Vorder- und Hintertür) und lass all diese Energie durch dich hindurch strömen, erlaube ihr, deine Lebendigkeit zu verstärken! (Zeige vielleicht nicht allzu offensichtlich, wie sehr du das genießt.) Es ist völlig egal, was es ist: Alle emotionalen Energien, sogar Ärger und Hass, verstärken deine prāṇa-śakti. Nimm es als Geschenk. Nun ja, es kann ziemlich hart (oder sogar unmöglich) sein, so etwas als Geschenk zu erleben – wenn du die Story abkaufst, die der andere dir andrehen will. Wenn seine Geschichte dich beschuldigt oder dich runterziehen will, und wenn Du das für bare Münze hältst, dann kann die Energie, auf der diese Geschichte reitet, sich anfühlen wie ein Dolch ins Herz (oder in die Eingeweide). Aber lass es mich kristallklar darstellen: es fühlt sich nicht deshalb schmerzhaft an, weil der andere Mensch dich verletzt (das kann er nicht, weder mit Worten noch mit Emotionen), sondern weil du seiner Geschichte auf irgendeine Art und Weise zustimmst. Jeder Mensch auf dem Weg des Erwachens hat die freie Wahl, einen Gedanken oder eine Story anzunehmen oder zu verwerfen. Auch wenn es sich nicht danach anfühlt, genau das ist es. Und bevor du die Gabe dieser Energien annehmen und verdauen kannst, musst du die Story selbst zunächst einmal in Frage stellen bzw. verabschieden. Und das ist harte Arbeit!

Ein Freund von mir sagt – sobald seine Freundin ihn böse oder unglücklich anschaut: „Oh-oh, nerve ich dich?“. Eigentlich steht dahinter: „Bist du sauer weil ich etwas getan oder unterlassen habe?“. Dies ist ein recht anschauliches Beispiel, denn würde sie ihm sagen, dass er nervt, würde er das glauben und leiden, und eine ausgefeilte Verteidigungs-Strategie aufstellen, eine Kampagne um ihr (ebenso wie sich selbst) zu beweisen, dass er weder nervt noch zum Kotzen ist. All das bedarf einer ganzen Menge an Energie, und sowas laugt aus. Was wäre wenn er / ich / du diese ganze impulsive Selbstreferenz aufgeben könnten; dieses ganze Zerlegen und Auseinander-Pflücken anderer Leute Urteil. Wenn wir stattdessen eine Haltung liebevoller Anteilnahme kultivieren könnten („Ich frage mich, welches ihrer Bedürfnisse ich nicht gesehen habe? Vielleicht kann ich es jetzt sehen, oder ihr zumindest den Raum geben, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, ohne dass sie mich beschuldigt“). Dann kann etwas wunderbares und magisches geschehen: Der andere Mensch kann seine Emotionen verdauen, und als Ergebnis entsteht eine größere Möglichkeit für Verbindung. Eh Voilà! Wenn wir so geduldig und vernünftig sind, die Emotionen des anderen ebenso wie die eigenen durch uns hindurch fließen zu lassen, dann wird mehr Liebe in dem Raum zwischen uns erblühen. Liebe entsteht nicht ‚trotz’ ‚negativer Emotionen’, sondern eben weil wir sie akzeptieren. Es gibt immer eine Möglichkeit für tiefergehende Intimität.

[ Ich sollte hier anmerken: Auch wenn man dem Ärger oder den boshaften Worten eines Gegenübers nicht Glauben schenkt, so ist dies dennoch schmerzhaft. Wenn du wahrhaftig nicht an die dahinter liegende Story glaubst, dann besteht dieser Schmerz aus dem ganz natürlichen Kummer darüber, dass die andere Person dermaßen verletzend agiert, dass sie/er nicht in der Lage ist, freundlich oder respektvoll zu sein, und dich sogar absichtlich verletzen will. Es liegt an dir, solch einen Kummer zu verdauen, und manchmal mag es besser sein, von einer derartigen Beziehung Abstand zu nehmen, die mehr Schmerz oder Kummer erzeugt, als du verdauen kannst. ]


Wir haben nun erörtert, dass es so etwas wie negative Energien nicht gibt: Nicht in dir, nicht in anderen. Auch wenn jemand seine Emotionen nicht mag und sie auf dir abladen will (zusammen mit der Story, die dies für ihn rechtfertigt), so ist das eine Gabe. Ein Geschenk, wenn du emotional stark genug bist, diese Energien anzunehmen und den ganzen Weg durch dich hindurch passieren zu lassen. Und falls du irgendeinen Aspekt der Story für wahr hältst (was dazu führen kann, dass emotionale Energie irgendwo ins Stocken gerät, meistens in einem Chakra, was meistens schmerzhaft ist), so ist auch das ein Geschenk. Wie das? Weil du auf deinem spirituellen Weg jede Lüge und Falschheit an die du noch glaubst, erkennen musst, bevor du sie auflösen kannst. Und denk daran, die Geschichten über dich können dich nur dann anfechten, wenn du daran glaubst. In diesem Fall verletzt du dich selbst. Möchtest und musst du nicht im Grunde genommen deinen selbst-beschränkenden Glaubenssätzen begegnen, damit du sie angehen und lösen kannst?

Demnach ist es für einen Tāntrika nicht nötig, sogenannten negativen Energien oder sogenannten negativen Menschen aus dem Weg zu gehen. Alle menschlichen Interaktionen sind energiegeladen und Gaben, die Ermächtigung ermöglichen. Allerdings ist es auch unnötig und unangemessen, solche Interaktionen zu suchen oder herbeizuführen. Warum? Weil der ‚Energie-Körper’ (besser gesagt, der subtile innere emotionale Körper), ebenso wie der physische Körper, eine Obergrenze der Belastungsfähigkeit besitzt. Wenn du es übertreibst, wirst du irgendwann keine weiteren emotionalen Energien mehr verdauen können, und dein Körper wird verletzt und erschöpft werden. (Aus diesem Grund ist es überaus wichtig, dass du die begrenzte ‚Bandweite’ deiner Grenzen anerkennst!) Im tantrischen Yoga gibt es Praktiken zur Stärkung des Energie-Körpers. Aber auch hier ist es super-wichtig, demütig zu sein und die eigenen Grenzen zu kennen. Denn es kann deine mental-emotional-physische Gesundheit beeinträchtigen, wenn du diese zu oft überschreitest.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie eine negative Person? Jemand, der unablässig nach den Schattenseiten von allem und jedem sucht? Zehrt nicht so jemand ständig andere aus? Ja, aber nur insoweit, als du ihm zuhörst, seine Vorschläge hegst, und seinen Worten und Gedanken folgst. Umso anstrengender ist es für jemanden, der für das eigene Wohlbefinden auf positive Gedanken angewiesen ist, denn diese können durch Bosheit und Zynismus untergraben werden. Aber auch wenn du ein Tāntrika bist, der frei vom Bedürfnis nach positivem Denken ist, und der Energien verdauen kann, auch dann wirst du dich nicht oft dafür entscheiden, solche ‚negativen’ Personen um dich herum zu haben. Denn als Tāntrika sucht man ganz natürlich nach Synergien, nach Beziehungen, in denen wir einander Energie geben, die aus Liebe entspringt – einfach weil es uns so viel Freude bereitet und weil es so nährend ist.


Schließlich, kann ein Ort negative Energien haben? Ich würde sagen nein, mit einigen wenigen Ausnahmen. Die Schwingungen (mir fehlt ein besserer Ausdruck hierfür) eines traumatischen Ereignisses verblassen zumeist relativ rasch. Es scheint so zu sein, dass ein bestimmter Ort so etwas wie negative Energie beherbergt, weil du dich davon gestört oder beeinflusst fühlst. Tatsächlich sind fast immer die psychologischen Assoziationen, die einem Ort zugeschrieben werden, der Grund. Zum Beispiel wirst du dich vielleicht im völlig verschluderten Haus eines anderen Menschen unwohl fühlen, wenn du selbst gerade bei dir im Haus und/oder im Leben Ordnung geschaffen hast. Oder du bist gerade dem Einfluss eines depressiven Elternteils entkommen, und ein Ort triggert deine samskāras entsprechend, sodass du dich leer und ausgelaugt fühlst. Daher vermeide solche Orte, solange dein Emotional-Körper nicht stark genug ist.

Was ist mit bösartigen oder übelwollenden Geist-Wesen? Sind diese real? Die tantrische Tradition besagt, dass es unzählige nicht-körperliche Wesen überall gibt. Aber darum musst du dir keine Sorgen machen, denn ebenso wie bei menschlichen Wesen wird es hilfreiche und streitbare Geister geben, die große Mehrheit aber schert sich überhaupt nicht um dich.

Sollte man vor einer spirituellen Praxis einen Raum von nicht-körperlichen Wesen reinigen? Die tantrische Tradition lehrt eine tägliche Reinigung, und diese Praxis kann effektiv und wohltuend sein, egal ob Geister oder andere Kobolde in der Gegend sind oder nicht. (Es gibt ein Video dazu in meiner englischsprachigen, geschlossenen Facebook Guppe „Tantrik Yoga Now“.)

Als letzten Punkt, gibt es wirklich böse Menschen? Das hängt von deiner Definition für ‚böse’ ab. Wenn du damit meinst: „Menschen, die so geschädigt sind, dass sie quasi nichts Gutes bewirken können, und deren Handlungen überwiegend schädlich sind,“ dann ja. Ich selbst würde sie nicht als böse bezeichnen. Tragisch, ja. Böse, nein. Ich erinnere an die Maxime: jede/r von uns tut dasselbe wie ich und du, immer: Jeder versucht den eigenen Bedürfnissen auf die ihm bestmögliche Weise gerecht zu werden. Wenn jemand nur manipulative und/oder gewalttätige Strategien zur Verfügung hat, so ist das tragisch und bedauernswert. Solche Leute verdienen Mitgefühl, nicht Verurteilung. Aber Achtung, Mitgefühl bedeutet keineswegs Nachgiebigkeit oder Billigung.


Die freudvolle Krönung des spirituellen Lebens auf dem tantrischen Weg gipfelt in dem Augenblick, wenn der ‚Energie-Körper’ so kraftvoll ist, dass es nichts mehr zu fürchten oder zu vermeiden gibt, keine Situation, Person oder Ort. Dies ist zutiefst befreiend! In der Tat, das ist die Befreiung selbst.

Möge jede/r der diesen Beitrag liest, einen kraftvollen Energiekörper hervorbringen, und für immer frei werden von der Sklaverei der Angst!

tathāstu!  Śivo’ham! iti śivam!


© Christopher Hareesh Wallis, September 8, 2017
Englischer Originalartikel hier!

Mit freundlicher Genehmigung übersetzt aus dem Englischen 08.2019 von: Brigitte Heinz· Lektorat: D.