In diesem Beitrag gebe ich zwei yogaphilosophische Antworten auf die Frage, wie wir mit den Herausforderungen des Lebens umgehen können: den Rückzug der Samkhya-Tradition und die Haltung des non-dualen Tantra, die den Alltag selbst als Lehrer begreift. Am Ende geht es mir um die Frage, wo echter Halt eigentlich entsteht – und was das mit unserer Bereitschaft zu tun hat, dem Leben wirklich zu begegnen.
Vielleicht kennst du den deutschen Spielfilm „Ich bin Dein Mensch“; hier lebt eine Frau mit einem humanoiden Roboter zusammen, der speziell auf sie zugeschnitten programmiert ist. Der Film stellt die Frage (die nicht wirklich beantwortet wird), ob es im Leben einfacher ist, mit einem anpassungsfähigen Roboter zusammen zu sein.
Wenn du einen Chat-Bot nutzt, weißt du, wie überaus freundlich und wohlwollend die Künstliche Intelligenz antwortet und selbst die dümmste Frage freundlich beantwortet: „schon eine gute Idee, aber was du nicht berücksichtigt hast, …“. Bislang hatte ich selbst jedenfalls nur angenehme Konversationen mit KI. Ist das einfacher? Besser? Ja – und Nein! Und das bringt mich zum Yoga.
Keine Frage – der Kontakt mit der Umwelt und der Umgang mit Menschen kann anstrengend sein. Es ist ein beständiges Aufnehmen von Reizen und Stimuli, ein Abgrenzen und Aufeinander-zu-gehen. Wir müssen immer wieder auf unterschiedliche Weise sowohl für die eigenen Bedürfnisse einstehen, als auch Kompromisse schließen, Rücksicht nehmen und eigene Ansichten infrage stellen. Welche Lösungen schlägt uns Yoga vor? Hier finden wir erstaunlich unterschiedliche Antworten – je nachdem, auf welche Tradition und Philosophie wir schauen.
In der Samkhya-Philosophie (ab ca. 400 v.u.Z.) wird dem Yogi empfohlen, sich von der Welt zurückzuziehen. Die Sinne und die daraus resultierende Sinnlichkeit, sowohl Verlangen als auch Ablehnen, werden als Aspekte von AVIDYA (Nicht-Wissen) ausdrücklich als Ursache von Leid benannt. Diese Strömung der Yoga-Philosophie kommt zu dem Schluss, dass man sich der Ursachen des Leides so weit wie möglich entziehen sollte. Das Ideal des asketisch lebenden Yogi, der der Welt entsagt und beständig den Geist durch Meditation schult, erfuhr sein Blüte in der Shramana-Bewegung. Solche Ideen haben bis heute in Teilen der modernen Yogawelt Bestand.
Sehen wir uns das einmal näher an. Sicher kennen wir alle das, dass uns bestimmte Dinge in Versuchung führen und wir kaum in der Lage sind, zu widerstehen. Bei dem einen äußert es sich im Essverhalten (Schokolade aufessen ;-)), die andere sucht das Glück im Erwerb von Dingen, jemand anders im Alkohol, in übermäßigem Medienkonsum oder einem anderen Objekt. Erkennen wir das, bei dem wir nicht Maß oder unsere Mitte halten können, ist es durchaus sinnvoll zu sagen: „ich halte mich davon fern“. Die Praxis des Rückzugs kann sehr sinnvoll sein. Manchmal braucht es ein Fern-Bleiben, eine Zeit der Reflexion oder auch eine deutliche Abgrenzung. Strömt das Leben auf uns ein, verlieren wir die Orientierung, unsere innere Kraft und Ausrichtung als auch die Fähigkeit, Dinge oder Erlebtes zu verarbeiten, also zu „verdauen“, ist es mehr als angebracht, so lange Stille einkehren zu lassen, bis man wieder stabiler und klarer ist.
Die Philosophie des non-dualen Tantra (Strömung ab ca. 5. Jahrhundert. n.u.Z.) verneint diesen Praxisweg nicht – sie stellt aber in Frage, ob das Ideal des Rückzuges alleinig sinnvoll ist. Sehr vereinfacht erklärt – und um im Bild zu bleiben: ist die Schokolade das Problem oder vielmehr meine Unfähigkeit, sie über mehrere Tage aufgeteilt zu genießen? Ist es sinnvoll, sich zurückzuziehen und der Konfrontation aus dem Weg zu gehen? Oder kann es sinnvoll sein, zu lernen, damit zu sein und eben die Ursache hinter meinem Verlangen/meiner Ablehnung zu lösen?
Um noch einmal auf den eingangs erwähnten Film zurückzukommen: Würde ich mit einem humanoiden Roboter zusammen leben, dann gäbe es nicht viel Reibung. Die Anpassungsfähigkeit der KI würde mir mein Leben vermeintlich erleichtern – mir aber tatsächlich damit jede Möglichkeit rauben, mir meiner wunden Punkte, meiner Anhaftungen und Begrenzungen bewusst zu werden. Ich wäre wahrscheinlich nur minimal herausgefordert, meine Komfort-Zone zu verlassen und zu begreifen, was es bedeutet, „die Mitte zu finden“. Ich würde auf den ruhigen Wassern des Lebens dahin dümpeln. Aber bedeutet Leben nicht zu lernen, bei jeder Wetterlage segeln zu können? Auch im Sturm und bei peitschendem Wind? Ist das Leben in der Begegnung nicht genau der Ort, bei dem ich mehr erfahren kann? Sind die Menschen und Situationen, auf die ich treffe nicht genau der richtige Moment, um wirklich bewusst zu sein?
Keine Frage, im Sturm zu segeln, im Leben zu stehen, ist oftmals anstrengend. Manchmal möchte ich rufen: „Stopp mal, Leben – ich brauche eine Pause!“ Niemand kann bestimmen, wie und von wo der Wind weht und auch nicht, wann er aufhört. Ich kann nur versuchen, meine Fähigkeiten zu schulen, zu vertiefen und zu verfeinern, um eine bessere Seefahrerin zu werden. Und ja, es kann sinnvoll sein, zu versuchen, den nächsten Hafen anzusteuern, um eine Pause zu bekommen. Andererseits muss ich mich auch aufs Meer hinaus wagen, um weiter zu kommen. Nur in der Begegnung mit der Umwelt wird es gelingen, wirklich ganzheitlich da zu sein – nichts ausklammernd, nichts ablehnend, nichts begehrend – sondern einfach fähig, auf den Wellen des Jetzt zu segeln.
Die Philosophie des Tantra achtet daher die „normale Welt“ als werthaltig und sieht in allem, was ist einen Guru, also einen Lehrer; und jeder Moment kann mir helfen, bewusst zu sein. Der Alltag und das ganz normale Leben werden als der Ort der spirituellen Praxis betrachtet. Genau dort finden Prinzipien wie zum Beispiel ahimsa (Gewaltlosigkeit) oder satya (Wahrhaftigkeit) Anwendung, nach innen wie nach außen. Das Leben spricht fortwährend die Einladung aus, die Bereitschaft zu finden, wirklich hier zu sein, im DASEIN.
Der Name des humanoiden Roboters im Film ist Tom. Seitdem mein Mann und ich den Film gesehen haben, sagen wir immer mal wieder: „Nun, willst du mich oder Tom“? Wir versuchen uns damit daran zu erinnern, dass Reibung genau das ist, was uns hilft zu lernen. Ein echter Mensch kann herausfordernd sein, und keine Frage, fortwährend in der „Schule des Lebens“ zu sein ist nicht immer leicht. Jedoch können wir nur dort Umstände erfahren, die uns erlauben, uns selbst wie auch den anderen besser zu verstehen und aufrichtig zu fragen, ob wir bereit sind, in Verbindung zu gehen. Offen, nicht programmiert, erwünscht oder vorhersehbar, und auch nicht „unter meinen Bedingungen“ – sondern in der Bereitschaft, wirklich ein großes JA zum Leben zu formulieren.
Join
flow With Me